Was ist und wie funktioniert systemische Therapie?

Aktualisiert: 24. Feb. 2020


Karen arbeitet vormittags in der Bank. Sie hat Freude an dem, was sie tut. Sie genießt es und das strahlt sie auch aus. Nachmittags ist sie Mutter und Hausfrau. Da fühlt sie sich zwanzig Jahre älter. Sie versinkt im Haushalt, der ihr über den Kopf wächst, weil sie hohe Ansprüche hat. Und wenn ihr Mann abends nach Hause kommt, dann fühlt sie sich vollends als Versagerin. Sie ist keine interessante Gesprächspartnerin mehr sondern nur noch müde. Sie hat keine Lust mehr zu diskutieren. Sondern nimmt hin, was er sagt. Auch wenn es ihre vitalen Interessen betrifft. - Zum Beispiel, dass sie gerne ein Au Pair hätte. Gottseidank ist morgen wieder Montag ...

Die Position im System bestimmt, wie du dich fühlst

Tja, das ist systemisch - ein Teil von systemisch: zu sehen, dass ein Mensch ein ganz anderer sein kann, wenn er in einem anderen System steht. Dass Positionen in Systemen viel verändern. Stellen wir uns vor, Karens Mann würde arbeitslos und sie würde ihre Stunden aufstocken. So dass sie erst abends nach Hause käme....

Könnt ihr das beim Lesen nachvollziehen? Auch das ist systemisch. Wenn jemand von uns in eine dieser Positionen kommt, dann fühlt er erst mal genau so wie Karen. Und das ist einer der Schlüssel zu den systemischen Vorgehensweisen: wir fragen: was wäre, wenn? Wie würde es sich anfühlen, wenn? Wie würde P. reagieren, was würde L. denken? Viel verändert sich dadurch. Weil sich Horizonte weiten. Weil neue Möglichkeiten auftauchen. Weil Beziehungen in Bewegung geraten. Starres sich auflöst.

Uuund das soll helfen? Ja. Das tut es. Lange haben sich die Krankenkassen geweigert für systemische Beratung zu bezahlen, weil sie der Meinung waren, das wirke nicht. Teure Studien wurden in Auftrag geben. Vermutlich schon mit dem Hintergedanken es würde sowieso bewiesen, dass dabei nichts heraus kommt. Das Gegenteil war der Fall. Und deshalb müsste eigentlich das Jahr 2018 als das Jahr der Systemiker in die Geschichte eingehen.

Und die kassenärztliche Vereinigung hat dementsprechend zugestimmt, die systemische Therapie in ihren Maßnahmenkatalog aufzunehmen. Na endlich!, könnten wir sagen. Wussten wir doch schon immer. Und: ist gekommen, wie es kommen musste.

Die systemische Therapie passt nicht in die Krankenkasse

Aber der Jubel ist verhalten. Wird doch jetzt, wo es um die Details der Vergütung und Abrechnung gehen soll - (das heißt im Moment ist die systemische Therapie noch keine Kassenleistung). - da kommen bei vielen praktizierenden Systemikern Zweifel auf. Die Unterschiede zu den herkömmlichen Methoden sind groß - und es fragt sich, wie systemische Therapie überhaupt ins System zu packen sein soll.

Warum ist das so kompliziert? Gerade die Eigenart und die besondere Qualität der systemischen Therapie zeigen, dass sie von ihrem Ansatz her mit dem medizinischen Ansatz quer liegt und liegen muss. In der Medizin ist es ja so, dass eine Krankheit eine Ursache hat: etwa ein Bakterium oder ein Virus oder ein Tumor, oder ein Beinbruch... egal. Diese Ursache wird behoben - und alles ist wieder fein in Ordnung. - Ähnlich denkt ja im Prinzip auch die Psychoanalyse und sogar die Verhaltenstherapie: In der Kindheit ist etwas schief gelaufen: wir suchen dieses Ereignis auf - und korrigieren es. Fertig.

Psychische Krankheiten?

Bloß dass diese Analogie hinkt. Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Schlechte Erfahrung bleibt schlechte Erfahrung. Eine psychische Krankheit ähnelt weder einem Virusbefall noch einem Bruch. Daher hat leider die gesamte Psychotherapie nur sehr geringe Heilungsquoten. - Und hier kommt das Besondere der Systemischen Denkens ins Spiel. Strikt systemisch gedacht gibt es keine Psychischen "Krankheiten". (Außer vielleicht Schizophrenie und Psychosen.) - Unser großes Argument gegen die Krankheitsmetapher ist, dass alle, denen gesagt wird: du bist ja (psychisch) krank, du brauchst dringend eine Therapie - auch gute Phasen kennen. Von einer Minute zur anderen kann sich viel ändern. Von einem Tag auf den anderen. Von einem (Denk)System ins andere eben. Medizin aber, ebenso wie die die medizinisch denkende Psychotherapie sieht auf die "Symptome" - auf das, was nicht funktioniert.

Strikt systemisch arbeitende Therapeuten sind daher keine Therapeuten im klassischen Sinne, weil sie keine klassichen "Diagnosen" stellen und es daher nichts zu therapieren gibt. In den Augen des Systemikers ist es eher schädlich eine Diagnose zu stellen, weil der durch die Diagnose zum Patient gewordene Mensch - dadurch in ein System gerät in dem er der Kranke ist und der andere der Heilende. Das macht ihn krank. Solange er in dem System ist, bleibt er krank. Nun kann aber eine "Kranken"kasse schlecht ohne Diagnose zahlen ...

Ihr seht warum das schief läuft.

Skalierung anstelle von Entweder/Oder

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