Von weißen Mäusen und bedingungsloser Liebe.

October 26, 2018

 

 

Was ist überhaupt Erziehung und wie funktioniert sie?

 

Schon länger sitze ich an einer Buchvorstellung - die einfach nicht fertig werden will, weil ich immer wieder von vorne anfange zu lesen, immer wieder neue Aspekte entdecke - und alles auf einmal schreiben will. - Dann kommt wie meist gar nichts raus. Ich spreche von dem wunderbaren Buch "Liebe und Eigenständigkeit. Die Kunst bedingungsloser Elternschaft jenseits von Belohnung und Bestrafung" von Alfie Kohn

Was mich daran fasziniert ist einerseits das wissenschaftliche Vorgehen und die tiefe seiner Fragestellung. Wie schaffen wir es - nein nicht unser Kind bedingungslos zu lieben - sondern es unser Kind spüren zu lassen, dass es bedingungslos geliebt wird - denn nur dann hat es auch was davon.

 

 

 

Also, was wünscht ihr euch für euer Kind? Wie soll es einmal werden? Die meisten, die ich das frage sagen: glücklich, selbstbewusst, empathisch, respektvoll. Nur die Reihenfolge variiert. Und wie weit seid ihr gekommen auf dem Weg zu glücklichen, selbstbewussten, empathischen und respektvollen Kindern? Die meisten sind da eigentlich ganz zufrieden. Kritisch ist nur die Sache mit dem Respekt. Was verstehen wir denn unter Respekt? Heißt ein respektvoller Umgang nicht, die Wünsche des anderen als genauso wichtig und ernstzunehmend anzusehen, wie die eigenen - auch oder gerade dann, wenn es eben nicht die eigenen sind?

 

Wie lernt ein Kind Respekt?

 

Genau: Und Kinder lernen durch das Beispiel der Eltern. Wer respektvolle Kinder möchte, muss seinen Kindern Respekt vorleben. Zugegeben: eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt. Soll ich also respektieren, wenn mein Kind kein Brot isst, das falsch herum durchgeschnitten ist? Soll ich respektieren, wenn mein Kind ewig braucht um sich die Schuhe anzuziehen und dann, wenn es endlich fertig ist, ich schon auf heißen Kohle sitze - bzw. nervös auf und ab laufe - beschließt, doch andere Schuhe anzuziehen? Auch wenn mein Anliegen (wenigstens zu einer noch halbwegs akzeptablen Zeit im Büro aufzuschlagen) dabei überhaupt keine Berücksichtigung findet, obwohl es doch auch irgendwie wichtig ist?

Und ich muss leider sagen: ja, selbstverständlich.  (Aber die Wünsche zu respektieren, heißt nicht automatisch, dass sie auch berücksichtigt werden können).

 

Also ich habe hier auch keine einfache Lösung dafür, wie genau man selbst so eine innere Ruhe bekommt, dass man das schafft. Aber klar ist, dass es gut wäre. Und für mich ist auch klar, dass eine nicht unerhebliche Schwierigkeit dabei, dieses Ziel zu erreichen auch diese öffentliche Stimme ist, die immer sagt: "Lass dir nicht auf der Nase herum tanzen.", "Er oder sie lernt das so nie.", "Der wird nie lernen, sich anzupassen.", "Du musst doch ... In ihrem eigenen Interesse solltest du..."

 

Die Sache mit der bedingungslosen Liebe

 

Also warum sollten wir? Und vor allem: wie sollten wir das bewerkstelligen? Wie sollen wir unser Kind also dazu bringen, schnell zu sein, wenn es uns wichtig ist, zu essen, was wir liebevoll zubereitet haben. Und vor allem Tischmanieren. Das ist die Frage, die sich viele nun stellen. Etwas überspitzt gesagt beginnt die Suche nach Mitteln und Wegen, unser Kind so zu manipulieren, dass es das tut, was ich möchte, ohne dass ich laut werden muss.

 

Sehen wir mal von Strafen ab, dann bietet sich belohnen an, am besten durch Lob, wenn das Kind etwas richtig macht. Verstärken des erwünschten Verhaltens eben.

 

Jetzt aber kommt die Sache mit der bedingungslosen Liebe ins Spiel. Die nicht heißt, finde alles gut und lass alles durchgehen. Die nur heißt: Sieh dein Kind als Mensch an, der von Anfang an eigene Wünsche und Ziele hat, die genausoviel (nicht mehr) Respekt verdienen, wie deine eigenen.

 

Erziehung ist nämlich nicht Konditionierung. Die funktioniert nur bei Tieren. Menschen sind zu klug dafür. Auch kleine schon. Natürlich können sie lernen "Bitte" und "Danke" zu sagen, wenn sie sonst nichts bekommen. Aber sie werden aufhören es zu tun, sobald diese Drohung wegfällt. Weil es dann keinen Sinn mehr macht.

 

Sein Kind wie eine weiße Maus konditionieren zu wollen, ist an sich schon ein respektloses Unterfangen. Es gefährdet die Beziehung. Es macht nicht glücklich. Und es ist nicht einmal mittelfristig erfolgreich. 

 

 

 

 

Loben, loben, loben?

 

Was hat das ganze jetzt mit der bedingungslosen Liebe zu tun? - Die meisten Eltern würden sicher sofort sagen, dass sie ihre Kinder selbstverständlich bedingungslos lieben. Studien zeigen jedoch, dass die meisten Kinder nicht das Gefühl haben bedingungslos geliebt worden zu sein. Woher diese Diskrepanz? Wir strafen doch nicht mehr mit Liebesentzug und drohen doch nicht einmal mehr damit. Nein, die meisten von uns "arbeiten" mit positiver Verstärkung: sie loben das gute Verhalten, das sie sich für ihr Kind wünschen, das tolle Bild, das sie gemalt haben, das Teilen mit anderen, das Bitte und Danke sagen oder die guten Tischmanieren. Leider haben, so zeigen diese Studien, kommt das bei den Kindern nicht so an: Positive Verstärkung macht sozusagen süchtig. Bleibt sie aus, so heißt das für das Kind (und genau genommen ist es ja auch genau so gemeint) - so bekommst du kein Lob. Und das ist nur die Kehrseite der Medaille. Es ist dasselbe nur etwas anders verkleidet. Tatsächlich kam der Begriff der positiven Verstärkung zum ersten Mal auf, als man festgestellt hat, dass Mäuse sich nicht nur durch Stromschläge dressieren lassen sondern auch durch positive Verstärkung. Eine Methode, die heute auch in der Tierdressur Gang und Gäbe ist. Kein Wunder, funktioniert sie doch genauso, tut aber nicht so weh.

 

Die Krux mit den klugen Kindern

 

Für unsere viel klügeren Kinder, die die Eltern viel besser durchschauen, als sie glauben, heißt das, offensichtlich haben sie mich nicht so lieb, wenn ich das nicht tue. Und dann tun sie es. Oder eben nicht. Meiner Meinung nach sollte man froh sein, wenn das Kind nicht auf dieser Ebene kooperiert, heißt es doch, dass sie sich so geliebt fühlen, dass sie das nicht mitmachen müssen. Heißt es doch, dass sie sich nicht verführen lassen. - Und was heißt es für uns? Wir müssen da durch: Kindern leuchtet so manches nicht ein, was wir von ihnen wollen. Und das ist ihr gutes Recht. Bietet uns eine Chance auch manches noch einmal neu zu überdenken - uns an unser eigenes inneres Kind zu erinnern und mit ihm zu solidarisieren.

 

Das heißt aber nicht, dass wir unsere Kinder nicht an der Hand nehmen sollten, wenn wir über die Straße gehen - auch wenn sie protestieren. Das heißt nicht, dass wir sie Laufrad fahren lassen, auch wenn sie noch nicht bremsen können - auch wenn sie lautstark protestieren. Das heißt nicht, dass wir sie Dinge zerstören lassen müssen, die wir warum auch immer mögen. - Und all das können Kinder verstehen. Und ich gestehe hier: auch ich protestiere manchmal laut  oder leise fluchend und (meist nur) innerlich unter Tränen, wenn ich Dinge tun muss, die ich hasse, die aber notwendig sind. Lasst sie protestieren, das ist nicht schlimm. Das ist auch kein Trotz und keine Phase - das ist menschlich.

 

 

 

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