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Kinder und Zeitgefühl!

Aktualisiert: 16. Feb. 2023

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Und hier zum Video: Ich bau dir eine Zeitstruktur


Ein sogenanntes "verräumlichtes" Zeitgefühl, wie es für die erwachsene Zeitplanung selbstverständlich ist, entwickelt sich erst mit dem Ende der Pubertät. Erwachsene können sich Zeit als eine Art Blöcke vorstellen von unterschiedlicher Größe, die sich vertauschen und verschieben lassen. Was darin ist, das ist die Dauer. Das kindliche Zeitverständnis ist eher ein Abtauchen und Versinken in einem jeweils anderen Hier-und-Jetzt. Trotzdem lässt sich Zeitmanagement auch mit Kindern schon früh üben.


Was du hier findest:


1. Fehlendes Zeitgefühl


Viele Eltern können ein Lied davon singen: Kinder und Zeitgefühl, das ist zum Haare Raufen. Fängt schon morgens gut an. Wecken um halb 6 damit bis 6 genügend Zeit zum Wachwerden bleibt. Alle fünf Minuten Bescheid sagen: gleich musst du aufstehen. Keine Regung. Um 6 dann: jetzt musst du wirklich raus. Keine Regung. Es bricht Mama das Herz. Aber gleichzeitig wird sie immer wütender. Schließlich ist sie selbst kein Morgenmensch und würde liebend gerne bis zum letzten Moment liegen bleiben. Muss sie sich also rausquälen. Und dann auch noch gute Laune vorspielen, damit die Kleinen überhaupt aufstehen. Sind sie dann aber mal da, sitzen sie am Frühstückstisch und essen nicht. Haben sie dann doch noch gegessen, sollen sie sich anziehen, während Mama sich fertig macht. Ziehen sich aber nicht an sondern spielen. Plötzlich spielen sie wunderbar zusammen oder auch alleine. Und können nicht gehen, weil sie vor lauter spielen das Anziehen vergessen haben. Oder sich nicht anziehen können, weil Mama die falschen Sachen rausgelegt hat. Oder können nicht gehen, weil die Puppe noch gekämmt werden muss. Das Auto noch umgebaut und eingeparkt werden muss. Papa hat es übrigens auch nicht leichter. Das macht keinen großen Unterschied. Wer Stress hat und morgens pünktlich am Arbeitsplatz sein muss, der kriegt jetzt noch mehr Stress. Sind sie endlich im Flur: Schuhe anziehen. "Alleine, bitte.", "Nein erst den rechten, dann den linken." "Das hast du falsch gemacht. Ich ziehe beide wieder aus. Und fange von vorne an." - Kennt das wer? Wen das nicht in die Verzweiflung treibt, ...


2. Die Bedeutung von strukturierten Zeitabläufen für Eltern


Diese Verzweiflung ist übrigens völlig berechtigt! Denn Eltern brauchen eine Planung, eine Struktur und Vorhersagbarkeit. Zumindest wenn sie irgendwie abhängig beschäftigt sind und für ihren Lebensunterhalt ja auch wieder für andere in einer vorhersehbaren Zeit Dinge fertig stellen oder liefern müssen oder einfach da sein müssen.

Genau genommen machen Vorhersagbarkeit und Planbarkeit das Wesen des Lebens in einer hochindustrialisierten Kultur aus. Und darüber hinaus ist es ein Zeichen von Reife den Überblick über den Tagesablauf im Blick haben zu können und mit anderen zu synchronisieren.

Andererseits ist es völlig normal für Kinder, diesen Blick nicht zu teilen und auch nicht einmal verstehen zu können. Praktisch alles, was Eltern in solchen Situationen sagen, könnten sie sich auch sparen, denn ein Vorschulkind und selbst Grundschulkinder können das noch nicht wirklich verstehen. Erstens wissen sie nicht, warum das mit der Pünktlichkeit so wichtig sein soll. Zweitens tun sie in ihren Augen nichts, was dazu führen würde, dass Mama und Papa nicht pünktlich sein könnten. Und drittens können sie Zeiten, nicht abschätzen, nicht vergleichen und Anfangs- und Abschlusszeiten von Tätigkeiten nicht korrelieren. Sie haben ein völlig anderes Zeitgefühl.

Stellt man sich als Erwachsener die unterschiedlichen Tätigkeiten wie Kästen vor, die in unterschiedlicher Reihenfolge geöffnet werden können, so ist das Bild der Kinder eher so, als sitzen sie in den Kästen drin und blicken nicht über den Rand zu den nächsten. Kurz, wenn wir als Erwachsene wissen, dass es sinnvoll ist, zu einer bestimmten Uhrzeit ins Bett zu kommen, oder der das Haus zu verlassen, und vorher bestimmte Sachen zu erledigen, dann macht es Sinn die Kinder langsam an diesen verräumlichten Zeitbegriff heranzuführen. Am Besten natürlich so, dass es Spaß macht, leicht fällt und zu einem guten Ergebnis führt.


Wer also nicht das Glück hat, einfach mal in der Kleinkindzeit der Kinder auf das "herkömmliche" Arbeiten zu verzichten und sich mit den Kindern dem Hier-und-Jetzt hinzugeben, der muss einen Weg finden, die Kleinen zur Kooperation zu bewegen.

Zu Verstehen, warum das schwierig ist, kann da nur der erste Schritt sein. Als nächstes muss eine Lösung gefunden werden, die auch den Eltern nicht am frühen Morgen oder kurz vor dem wohlverdienten Feierabend die Laune so vermiest. Denn - zu allem Überfluss kommt ja, dass so eine Morgenroutine mit ständigem Antreiben und Aufmuntern am Ende doch mal Lautwerden Mama oder Papa das Gefühl gibt, zu versagen und es einfach nicht hinzukriegen.


3. Visualisierung von Zeitabläufen für Kinder


Das Zauberwort, bzw. die Zauberwörter heißen in diesem Fall: Visualisierung und Übung.

Visualisierung bedeutet, dass wir aufmalen, kleben, zeichnen oder stellen, was überhaupt getan werden muss. Denn nur so kann sich auch ein kleines Kind buchstäblich eine "Über-Sicht" verschaffen von dem, was zu tun ist. Und dann müssen wir eine Möglichkeit finden zu zeigen, was schon getan ist und was noch getan werden muss. Und wenn das dann auch noch in unterschiedlicher Reihenfolge passieren kann, ist das die halbe Miete. Für einige Kinder ist es nämlich sehr wichtig, dass sie selbst bestimmen können, was wann dran kommt. Andere bevorzugen immer dieselbe Reihenfolge, aber das ist dann auch ok - sie haben das ja selbst gewählt. So schaffen wir ein gutes Gleichgewicht zwischen Selbstbestimmung und Erledigen von vorbestimmten Aufgaben. Und dann soll das ganze möglichst auch noch Spaß machen und ein Erfolgserlebnis generieren. Damit das Kind sich auch abends und morgens drauf freut. Nun, ich weiß nicht welche Techniken ihr schon ausprobiert habt. Es gibt ja auch die An- und Ausziehstraße, die jeweils vorbereitet werden muss. Aber die läßt sich auch super kombinieren mit dem hier vorgeschlagenen.

Ja und dann müsst ihr nur noch drauf achten, dass das Modell, das ihr dann wählt, wirklich ein paar Tage hintereinander strikt auch angewendet wird. Am Besten mindestens zwei bis drei Wochen, damit es selbstverständlich und verinnerlicht wird und wie von selbst geht.


4. Der Zeit eine Struktur geben


Meist haben Kinder nicht "nie" eine Zeitstruktur. In manchen Situationen haben sie sehr gut gelernt, was wann passieren muss und fordern das dann auch ein.

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, was Eltern auch erleben: das Zeitgefühl ist bei unterschiedlichen Kindern in unterschiedlichen Situationen verschieden gut vorhanden. Stress und Müdigkeit werfen die Kinder sozusagen um Entwicklungsstufen zurück. Je müder umso weniger können sie in Zeitblöcken denken, umso mehr fallen sie in ihre "Kisten" und verlieren den Überblick. Daher ist eine unterstützende Zeitstrukurgeber in mehreren Hinsichten sinnvoll.

Er hilft nicht nur, Abend für Abend und Morgen für Morgen in eine Routine zu kommen, die den Ablauf leichter und unkomplizierter macht. Und je mehr das geübt wird, umso mehr schult sich das Denken daran und wird irgendwann selbstverständlich.


Die Zeitstrukturgeber, sind dafür in meinen Augen wirklich optimal, denn sie zeigen das verräumlichte Zeitstruktur. Jede Tätigkeit wird durch einer Klappkarte repräsentiert. Und die Klappkarten können immer dann zugeklappt werden, wenn eine Sache erledigt ist. Dann sehen sie, was alles noch zu tun ist. Mit jeder Karte, die sie schließen, nähern sie sich dem Vorlesen und Kuscheln. Sie sehen, auch, dass es egal ist, in welcher Reihenfolge sie die Dinge erledigen.

Eine Alternative zu der Bastel-Version, die ich euch in dem Video zeige, wäre zum Beispiel Lego oder Playmobil Figuren zu nehmen, die für die einzelnen Tätigkeiten stehen. Die Playmobilfiguren sind ja sehr feinteilig: da kann eine eine Hose anhaben, die nächste dann keine. Ihr könnt eine Zahnbürste aus Lego bauen oder eine Playmobilzahnbürste nehmen. Dann stellt ihr alles in eine Reihe und was erledigt ist, kommt in ein kleines Kästchen und ist dann weg. Am nächsten Tag stellt ihr alles wieder gemeinsam hin, was zu erledigen ist. Das Wesentliche ist, dass jede Tätigkeit einen Stellvertreter braucht, und den muss das Kind selbst verschwinden lassen, wenn es das erledigt hat. Mir scheint die gebastelte Struktur am einfachsten und sinnvollsten zu handhaben. Aber schreibt mir gerne, wenn ihr was anderes erfolgreich ausprobiert habt.


5. Bastelanleitung zur Visualisierung einer Zeitstruktur für die Morgen- und Abendroutine mit Kindern.


Wenn also die Abend- oder Morgenroutine bei euch auch immer wieder schwierig ist, dann bastelt mit mir zusammen den Zeitstrukturgeber. Sprecht mit dem Kind in einem ausgeschlafenen und ruhigen Zustand darüber, was alles zu tun ist, bevor es zum Vorlesen und Kuscheln kommt, vor dem Einschlafen. Und ihr merkt sofort beim Erzählen und Aufzählen, wie kleinteilig und detailliert euer Kind denkt. Lasst euch davon leiten. Wenn es erzählt, dass man erst die Hose auszieht, dann das Oberteil und dann die Schlafanzughose anzieht und dann das Schlafanzugoberteil und dann die Hose aufhängt oder zusammenfaltet und dann das T-Shirt, dann macht für jede dieser Handlungen eine eigene Karte. Erzählt euer Kind aber, dass man die Kleidung auszieht und den Schlafanzug an, dann genügen zwei Karten. Genauso bei der Morgenroutine, die meistens sowieso schon länger ist.


Wie gesagt, die Entwicklung des Zeitbegriffs ist sehr individuell. Es ist ein sehr persönliches und prägendes Merkmal, das ein Kind durch sein ganzes Leben begleiten wird.




6. Weiter lesen?


Woher ich das weiß? Hauptquellen sind (immer noch)

Jean Piaget, Die Bildung des Zeitbegriffs beim Kinde,

Simone Wissing (2004), Das Zeitbewusstsein des Kindes, Eine empirisch-qualitative Studie zur Entwicklung einer Typologie der Zeit bei Kindern im Grundschulalter, Dissertation Mannheim, 2004,

R. Levine (1997). Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen. München

Schneider, Lindenberger (Hrsg.) Entwicklungspsychologie





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