Muss ich mir das gefallen lassen?

Aktualisiert: Aug 7

Was tun, wenn Kinder Schimpfwörter ihren Eltern gegenüber benutzen?


"Seit Oskar im Kindergarten ist, bringt er immer häufiger Wörter mit nach Hause - die gehen gar nicht. Aber was das Schlimmste ist, er sagt sie zu mir - beim Abendessen. "Chill mal", ist noch das Harmloseste. - Ein Junge, den alle bewundern, hat einen großen Bruder und der hat "Fick dich" eingeschleust. - Ich bin völlig hilflos. Habe Oskar auf sein Zimmer geschickt: "Auszeit." - Ich wollte sowas nie machen, aber ich weiß mir einfach nicht zu helfen. Meine große Angst ist, dass er sowas sagt, wenn wir am Sonntag bei meinen Eltern eingeladen sind. Die sind da nämlich total empfindlich. Ich hätte mich sowas niemals getraut zu sagen. Und außerdem, kann ich das doch nicht einfach durchgehen lassen. Er muss doch merken, dass das überhaupt nicht geht - es muss doch spürbar werden für ihn - es muss doch Konsequenzen haben",

so eine verzweifelte Mutter in einer online Fragestunde. Was sie am meisten hilflos macht: sie kann gar nicht verstehen, warum Oskar das überhaupt macht. Sie selbst hätte sich so etwas nie getraut. Daher ihre Frage: muss ich mir das gefallen lassen? Und was kann ich dagegen tun?


Natürlich muss sie das nicht gut finden, was Oskar da sagt. Und er muss lernen, dass es eben Unterschiede gibt. Kinder untereinander können Schimpfwörter ausprobieren - und wenn es derbe sind, dann sind es eben derbe. Das ist manchmal so, wenn ein Kind sie mitbringt und die anderen das toll finden. Wenn man die Kinder nicht überall überwachen will (und das sollte man auf keinen Fall), dann kann man das nicht verhindern. Aber das sind immer nur relativ kurze Phasen, dann sind die Wörter auch nicht mehr neu und werden uninteressant.


Trotzdem: zu Hause, bei Eltern oder Großeltern geht das natürlich nicht. Und das kann Oskar lernen.


Warum macht er das überhaupt?


Oskar hat keine Ahnung, was er da tut. Und er kann noch nicht verstehen, warum das nicht in Ordnung ist. Oskar bewundert den Kindergartenfreund - weil andere ihn bewundern. Vielleicht weil er sich Sachen traut, die sich andere nicht trauen. Vielleicht weil er völlig neue Wörter kennt, über die die anderen größeren Kinder lachen. Und über die die Großen sich sehr aufregen. Vielleicht weil die anderen größeren Kinder ihn mutig finden.


Warum ist das so wichtig für Oskar? Kleine Kinder verstehen den ganzen Tag über viele der Wörter nicht, die ihnen begegnen. Neue Ausdrücke lernen sie anhand ihrer Wirkung einzuschätzen. "Fick dich" ist ein Ausdruck, der im Kreis der kleinen Jungs sicher eine geniale Wirkung hat. Und offensichtlich auch die Erwachsenen beeindruckt. Da haben sie wohl etwas ganz Besonderes entdeckt!


Will dein Kind dich beleidigen?


Will Oskar seine Mama beleidigen? - Wenn er das wollte, würde er wohl Worte wählen, die er kennt. - Also eher: "Du bist eine doofe Mama, weil du das nicht erlaubst." Oder: "Papa, du bist blöd, weil du nicht machst, was ich sage." Das ist ernst gemeint. Und völlig in Ordnung, denn irgendwie muss ein Kind ja auch seinem Unmut Ausdruck verleihen. Du kannst mit ihm darüber reden, dass es besser ist zu sagen "Das ist blöd", als "Mama ist blöd", weil Mama ja vielleicht nur das tut, was sie richtig findet. Und das nicht deshalb macht, um das Kind zu ärgern.


Außerdem will ein Kind wie Oskar seine Eltern niemals beleidigen. Er bewundert seine Eltern immer und ist überzeugt, starke und gute Eltern zu haben. Er will Anerkennung und Bewunderung für die tollen Wörter, die er gelernt hat. Wenn sie doch all seinen Freunden so gut gefallen, warum dann den Eltern nicht?


Er möchte seine Eltern beeindrucken


Also: Oskar sagt "Fick dich" beim Abendessen, weil er seine Eltern damit beeindrucken möchte. So wie er selbst von dem Ausdruck beeindruckt war. Vielleicht will er auch Aufmerksamkeit - oder von etwas anderem Ablenken. (Das müsste man im Detail beobachten: Es könnte zum Beispiel sein, dass die Stimmung der Eltern untereinander zu kippen droht - es zu einem Streit kommen könnte und er durch eine Provokation davon ablenken möchte.) (Wenn du glaubst, das ist der Fall, dann bereinigt das so schnell wie möglich, wenn ihr alleine seid oder holt euch Hilfe - oft genügen ein paar Stunden Familienberatung - und es klärt sich wieder. - Bevor einer in der Familie komplizierte Symptome entwickeln muss!) Aber es ist auf jeden Fall nicht notwendig, solche Geschütze aufzufahren wie Fernsehverbot, oder Auszeit - oder was auch immer dir dazu einfällt.


Mach kein großes Ding draus!


Am Besten ist es, kein großes Ding draus zu machen - und eher klar zu machen, dass er hier eine Regel nicht verstanden hat:

"Es gibt ein paar Ausdrücke, die verwenden wir hier nicht. Das ist bei uns so. Das gehört zu den Tischregeln, wie das Händewaschen davor", (oder was auch immer, bei euch so gilt)
- "Wir werfen das Essen nicht runter und treten nicht mit Füßen drauf. Wir essen nicht vom Boden sondern von einem Teller. Und bestimmte Ausdrücke sagen wir nicht. - Die sind einfach nicht schön und verderben die Laune."
- "Und warum benutzt Mark sie im Kindergarten?"
- "Weil er das noch nicht weiß. Vielleicht hat ihm das niemand erklärt? Vielleicht hat er es nicht verstanden? Kleine Babies (vielleicht die Schwester, oder ein Kind von Freunden) matschen auch mit ihrem Essen herum. Sie können noch nicht mit der Gabel essen und werfen oft alles runter und verschmieren alles in ihrem Gesicht. Sie können es noch nicht richtig. Aber du kannst es. Und du weißt, was man zu Hause bei den Eltern sagen kann und was nicht."

Damit ist der Reiz aus der Sache. Es ist keine Möglichkeit mehr mal eben eine ganze Tischgesellschaft aufzumischen - Es wird hier nicht cool gefunden (offensichtlich gibt es unter Kindern andere Regeln - das zu verstehen ist ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung) - sondern im Gegenteil, die Erwachsenen denken, ich sage sowas, weil ich noch zu klein bin um zu verstehen, dass das hier nicht hingehört. Anders als die Kinder, die finden jemand klingt sehr cool, wenn er das sagen kann.


Ein Kind muss deshalb nicht bestraft werden, es muss erklärt bekommen, was da passiert. Und wenn es zum Sonntagsessen zu Oma und Opa geht, genügt in der Regel ein Hinweis, darauf, dass es toll wäre sich sehr "groß" zu benehmen. Zum Ausgleich könnte man sich hinterher ordentlich austoben - denn sich "groß" zu benehmen ist für kleine Kinder sehr anstrengend.






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