Muttergefühle hoch Zwei.


Rike Drust, Muttergefühle. Zwei, Neues Kind, neues Glück.

Eins muss man Rike Drust einfach lassen: inkonsequent kann sie. Ihr erstes Buch heißt: "Muttergefühle. Gesamtausgabe" Und man könnte meinen, wenn es eine Gesamtausgabe ist, dann ist auch gut damit. Und dann kommt einfach noch: "Muttergefühle. Zwei" Mit dem Untertitel "Neues Kind, neues Glück." Hm. Ihr versteht, was ich meine. Aber das Dumme ist, Rike Drust verzeiht man erstens jede Inkonsequenz gerne, denn sie ist praktisch ihr Markenzeichen und zweitens gibt es wohl kaum einen, der sich nicht freut, dass die "Muttergefühle" trotz der Gesamtausgabe weiter gehen. Ist doch egal wie die Bücher heißen. Hauptsache mehr davon!

Und das liegt außer am Inhalt - wer kann in dieser entbehrungsreichen Zeit wohl genug Bestätigung bekommen, dass man nicht alleine so hilflos ist? - auch an ihrer unsagbar frechen, direkten und ehrlichen Schreibe. Sie traut sich Sachen zu sagen, die ich höchstens gedacht habe - und selbst das nicht mit so klaren Worten sondern eher hinter so einer Nebelwolke.

Alles ist dabei, von: "Ich bin die Mutter, die ich nie sein wollte. Der Missmut vom Meckern und Ungeduldigsein", "Endstation Muddi-Look. Der Frust über Figur, Outfit und andere Oberflächlichkeiten", über "Ich hab die Kleine lieber. Also, den den Großen. Äh, umgekehrt." bis zu "Kinder, die besten Folterknechte der Welt", und "Ich? Nie gehört. Der Verlust der eigenen Identität". Ach, ich könnte alle Kapitel aufzählen, alle treffen so was von den Nagel auf den Kopf. Trotzdem muss ich mich ja hier entscheiden und so konzentriere ich mich mal auf das für mich Wichtigste - neben natürlich dem extrem wohltuenden Gefühl mit all den Hochs und Tiefs des Zusammenlebens mit Kindern nicht alleine zu sein.

Konsequent inkonsequent

Typisch für die Muttergefühle sind in meinen Augen die Widersprüche. Man ist ganz verliebt in die lieben kleinen und kann gar nicht genug von ihnen bekommen - und träumt von ruhigen Stunden (Minuten?) ganz allein. Obwohl, was heißt da schon Widersprüche? Die Zeiten ändern sich nur einfach sehr schnell. "... und die Kleine schlief direkt an mir dran", heißt es da. "Wenn sie trinken wollte schob ich ihr den Mops hin, und wir duselten weiter. Auf meiner anderen Seite schlief übrigens der Große, direkt angekuschelt an den Mann. Ein riesengroßer Familienklumpatsch. Das ist unsere persönliche Schlafidylle." Aber leider gibt es auf die Dauer keinen Schlaf - oder nur wenig und daher ein sehr mühsames Leben drumherum. Aber was solls. Genau. So. Ist. Es. Zumindest wenn man so ein Neugeborenes hat. Aber schon ein paar Wochen später kann es wieder anders aussehen. Und dann sollte man nach einer Lösung suchen, die allen ein vernünftiges Leben erlaubt. - Kompromisse finden, so dass alle damit leben können. Um Verständnis bei dem älteren Kind werben. Matzatze neben das Bett legen, zum Beispiel. Das hat die Drust-Family dann wohl auch gemacht. Denn auf die Dauer ist das einfach nichts mit dem ewigen Schlafentzug.

Und wir sind ja alle keine unbeschriebenen Blätter mehr, wenn wir Kinder bekommen: wir haben Vorstellungen vom Zusammenleben, die uns so wichtig sind, dass wir sie nicht aufgeben wollen. Darüber hinaus haben wir alle unsere jahrelang gepflegten und liebgewonnenen Gewohnheiten. Da kann man sich nicht so einfach drüber hinweg setzen. Und während man bei so manchen Facebookseiten oder Blogs das Gefühl hat, es gehe nur darum, allen anderen ein schlechtes Gewissen zu machen - so sieht man hier, dass es auch anders geht.

Aber heißt das dann nicht, dass es völlig beliebig ist, was man tut und wie man erzieht? Auf keinen Fall.

Erziehen nach Konzept?

Eines meiner Lieblingskapitel ist: "Ich erziehe nichts, was einen Namen hat". Wunderbar unperfekt und genau genommen nicht wirklich verständlich, die Überschrift. Aber fein. Und das genaue Programm findet sich im Untertitel: "Die halbe Absage an AP (Attachment Parenting) und Co." Und da ist es wieder - dieses halbe, das so wohltuend ist: Selbstverständlich sind wir als Eltern immer auf der Suche nach Bestätigung oder auch danach, etwas Neues zu lernen um diese immer wieder komplett neuen und anstrengenden Situationen zu verstehen und gut zu meistern. Deshalb stromern wir im Internet herum und suchen danach, wie andere damit klar kommen. Aber ein Konzept wie Attachment Parenting, das an sich ja voller guter Ideen steckt, kann auch total runter ziehen, wenn man merkt, dass man einiges davon einfach nicht schafft, weil es nicht zu einem passt. Manche Eltern haben strahlende Augen, wenn sie vom Familienbett erzählen. Andere sagen "das geht für uns überhaupt nicht." Und häufig fühlen die sich dann schlecht, weil Attachment Parenting vielleicht im eigenen Bekanntenkreis gerade angesagt ist und das Baby in einem eigenen Bettchen schlafen lassen, eventuell auch noch im anderen Zimmer, gar keinen Namen hat. Ein andermal ist es umgekehrt. Und wenn man dann noch einen Mann hat, der das anders sieht, hat man schnell einen existentiellen Konflikt. "Ich bin dankbar, dass wir in solchen Situationen nicht noch ein Konzept im Nacken haben, das mir mit seinen Regeln und Handlungsaufforderungen das Denken erschwert oder ein schlechtes Gewissen macht." - Mein Fazit: lest und lasst euch inspirieren und anregen. Probiert Neues aus und behaltet, was zu euch passt. Wenn ihr feststellt, dass ein Blog zu belehrend ist und nur schlechtes Gewissen verbreitet, dann lasst ihn links liegen.

"Alles, was als Konzept daherkommt, finde ich genau genommen beknackt, und deshalb war ich so froh, dass ich nach der Geburt der Kleinen diese Stimmen und Fachbegriffe nicht mehr hörte. .... Merkt ihr? Wir haben nur ein Konzept, nämlich, dass wir keines haben und eher im Nachhinein unser Verhalten einem Erziehungsansatz zuordnen können." Ob Attachment Parenting, Unerzogen, Bedürfnisorientiert oder Artgerecht ... nichts muss man so durcherziehen, wenn es gegen das eigene Gefühl geht. Was ganz und gar nicht heißen soll, dass es nicht gut ist, immer weiter zu forschen, was man anders und besser machen kann. "Obwohl UND weil ich manchmal tatsächlich trotz aller Hinterfragerei und Selbtkritik nichts Besseres weiß als Fernsehverbot zu erteilen oder zu schimpfen mit den bekannten Formulierungen: "Wie oft soll ich das denn noch sagen ..." oder "Warum must du immer..." Tja. Kinder geben eben auch den Eltern Gelegenheit zu Wachsen. ;)

Woran merken wir, dass Erziehung gelingt?

Und woran merken wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind? Also nur mal angenommen, du machst einen super-Job bei der Kindererziehung - woran würde sich das zeigen? Nun ich denke mal es gibt eine Reihe von Situationen, in denen du auf dein Kind stolz wärst. Rike Drust erzählt in dem wunderbaren Abschnitt "Das haben Sie gut gemacht", von einer Begegnung auf dem Spielplatz, bei der eine Mutter zu ihr kam und ihr sagte "Das haben Sie gut gemacht". Leider passiert das ja nur ganz selten. In diesem Fall war der große auf ein Klettergerüst geklettert, weil er gesehen hatte, dass ein anderes Kind da nicht mehr runter kam. Er hat es ihm gezeigt und sie sind zusammen runter geklettert. Das ist doch wirklich toll! Meist kriegen wir Mamas und Papas ja keine Anerkennung, wenn irgendwas gut klappt, weil alle das für selbstverständlich halten. Und wenn mal was schief geht, ist das Gemecker aber schnell bei der Hand. Typisch, heißt es dann und klar, die Eltern von heute ... Aber wenn wir es schaffen mit zwei Kindern, die sauber und vollständig angezogen sind, im Supermarkt einzukaufen, ohne dass das Zeitschriftenregal Feuer fängt. ... (das ist natürlich Drusts Beispiel), dann merkt in der Regel keiner was. Und ja,