Wann Medikamente bei Depression schaden


Depression? - Da muss man doch erst mal Medikamente nehmen. Das ist doch ein Defizit im Gehirn, da kann man sonst nichts machen - das höre ich immer wieder, wenn ich sage, dass ich auch Menschen mit leichten und mittelschweren Depressionen berate - und nicht sofort empfehle Medikamente zu nehmen. - Und ich muss mir dafür auch schon mal anhören, unverantwortlich oder schlicht unwissend zu sein.

In dem Artikel "Klinische Diagnosen als soziale Konstruktion" in der Fachzeitschrift "Psychotherapie-Wissenschaft "belegt Volkmar Aderhold sehr klar, warum die scheinbar objektiven Diagnosen verbunden mit der Annahme Depression sei eine Krankheit des Gehirns, negative Folgen für die Betroffenen haben können. Die Argumente, die sich mit Depression befassen, habe ich euch hier mal zusammengefasst:

Gibt es eine objektive Diagnose?

Wie wird definiert, wer psychisch krank ist? Diagnosen von psychischen Krankheiten sind abhängig vom Beobachter und der Situation und keineswegs objektiv: Besonders deutlich zeigt sich das bei der Diagnose der Schizophrenie - was den Laien verwundert, da er meist annimmt, die Symptome der Schizophrenie seien so heftig, dass sie eindeutig identifiziert werden kann. Aber - um nur einen Aspekt herauszugreifen: Es gibt zwei große Regelwerke zur Beurteilung von Krankheiten, zu denen auch die psychischen Krankheiten zählen. Das ist DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders; englisch für „diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“) und ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) führt psychische und Verhaltensstörungen im Kapitel V auf). Laut DSM müssen die Symptome der Schizophrenie über sechs Monate hinweg bestehen, um Schizophrenie zu diagnostizieren, laut ICD-10 jedoch nur vier Wochen. "Über 70 Prozent der Menschen, die in einem System so definiert werden, würden in einem anderen Diagnosesystem diese Diagnose nicht erhalten", schreibt Aderhold. Für die Betroffenen ist jedoch von lebensgeschichtlich entscheidender Bedeutung, ob sie diese Diagnose erhalten oder nicht.

Die Absicht bei der Aufstellung der Diagnosesysteme war, Objektivität zu erreichen - stattdessen wird nun die Beobachterabhängigkeit verschleiert. Allein die Tatsache, dass es zwei Regelsysteme gibt, die nebeneinander existieren, muss ein Dorn im Auge aller Verfechter der "objektiven" Kriterien sein. Aber es ist bislang keinem Expertengremium gelungen, die beiden Systeme DSM und ICD-10 in einen einzigen, allgemeingültigen Katalog von Symptomen, die für die Diagnose einer psychischen Krankheit hinreichend und notwendig sind, zu überführen.

Anders als vielfach angenommen, ist auch eine Diagnose wie "depressiv" keine objektive Tatsache sondern gilt für einen bestimmten Beobachter (Arzt, Therapeuten) in einem bestimmten Kontext. Ein anderer Arzt kann zu einem anderen Ergebnis kommen.

Wozu braucht man eine Diagnose?

"Im besten Falle führt der diagnostische Prozess zum Gefühl des Verstandenwerdens und Sich-selbst-Verstehens, im schlechtesten Falle zum Gefühl der Stigmatisierung und Diskriminierung", schreibt Aderhold. Als psychisch krank bezeichnete Menschen werden in der Folge verdinglichter wahrgenommen und behandelt, das heißt es wird nicht mehr nachgefragt, was in ihrer persönlichen Lebenssituation zu den Symptomen geführt haben könnte und was noch hilfreich sein könnte um mit dieser Situation umzugehen. Die Menschen mit dieser Diagnose werden vielmehr alle in die eine Schublade einsortiert unter der Annahme, es sei eine Fehlfunktion in ihrem Gehirn für die Depression verantwortlich und deshalb könnten nur Medikamente helfen. Aber helfen sie wirklich?

Zur Sache: Studien zur Wirksamkeit von Medikamenten bei mittelschwerer Depression

Bei mittelschweren Depression konnte gezeigt werden, dass Medikamente kaum wirksamer sind als Psychotherapie. Der Wert, der dies besagt, heißt NNT (Number needed to treat) und zeigt an, wieviele Menschen (für eine bestimmte Zeit) behandelt werden müssen, damit einer von ihnen die beabsichtigte Heilung zeigt. Dieser Wert liegt für mittelschwere Depression bei 10. Das bedeutet, dass von 10 Personen einer auf das Medikament positiv reagiert.

Eine andere Studie, bei der Psychotherapie mit Pharmakotherapie verglichen wurde, liegt der NNT sogar nur bei 14 und ist damit klinisch nicht relevant. Kurz - es wirkt bei mittelschweren Depressionen praktisch nicht.

Die Verordnung von Antidepressiva hat jedoch seit 1996 um 680 Prozent zugenommen. Allein seit 2009 hat sie sich verdoppelt. - Deshalb muss man davon ausgehen, dass auch natürliche Reaktionen auf Lebenserfahrungen mit Medikamenten behandelt werden - schon allein weil die schweren psychischen Erkrankungen nicht in demselben Maß zugenommen haben.

Außerdem gaben 65 Prozent der antidepressiv behandelten Menschen an, zuvor ein oder meh