Probleme in Fähigkeiten verwandeln

March 6, 2018

Über Mut und Vorsicht

 

 

 

 

Der Eine kann „eigentlich“ Fahrradfahren, aber nur, wenn er den Finger eines Erwachsenen im Rücken spürt. Die andere will nicht malen, weil sie das, was sie malt „nicht gut“ findet. Und beide rasten schon bei kleinen Missgeschicken aus. Sie will nicht mehr ausmalen, weil sie mal „über den Strich“ gemalt hat. Sie willen keine Tiere frei malen, weil sie das nicht kann. Er will nirgendwo alleine hin gehen, weil er unter ein Auto geraten könnte. So die Problemlage bei meinem letzten thematischen Elternabend, bei dem "Probleme in Fähigkeiten verwandeln" auf dem Programm stand.

 

Vorsichtig, vorausschauend zu sein – ist doch toll!

 

Ich fragte dann mal, wozu dieses vorsichtige Verhalten denn gut sein könnte. In welchem Rahmen könnte gerade dieses Verhalten nützlich sein? Und wir kamen im Gespräch schnell darauf: ein Arzt, ein Richter, ein Anwalt, sie alle müssen sehr vorsichtig sein: jedes Für und Wider gut abwägen. Ein Fehler könnte ein Leben kosten. Könnte ein Leben nachhaltig zerstören. Bei ihnen schätzen wir, das sie erst nachdenken und dann handeln. Gut ist das vorsichtige Verhalten auch, weil man sicher sein kann, dass das Kind nicht unbedacht auf die Straße rennen wird, es wird nichts essen, was es nicht kennt. Und es wird nicht voreilig einem Angebot zustimmen, das es nicht gut geprüft hat. Eine Eigenschaft, von der eine der Mütter sagte, sie wünsche sich selbst manchmal so eine Hartnäckigkeit erst zu prüfen. Außerdem fanden alle ganz toll, dass die Kinder sich nicht durch Druck umstimmen lassen. Sie spüren zwar, dass die Eltern es gerne hätten, wenn sie etwas bestimmtes tun würden, aber sie tun es trotzdem nicht. Während wir als Eltern oft den Druck nicht aushalten und dann um des lieben Friedens willen etwas tun, wozu wir nicht wirklich stehen, was wir nicht in Ruhe geprüft haben – weil wir uns einfach nicht getraut haben, uns die Zeit zu nehmen, die wir einfach brauchen. Die Kinder nehmen sich die Zeit die sie brauchen.

 

Den Mut haben, sich die Zeit zu nehmen, die man braucht

 

Es war ein spürbares Aufatmen, eine fast greifbare Erleichterung im Raum – als die Eltern zum ersten Mal vielleicht spürten, dass ihr Kind in Ordnung ist – auch wenn es nicht in die gängigen Schablonen passt. Und das konnte ich den Eltern auch gleich mal zurückmelden: „Ich habe das Gefühl, es tut Ihnen allen sehr gut, dass ihr Kind anerkannt wird, mit dem was es mitbringt – so wie es eben ist: klug, vorausschauend, nicht einfach alles hinnehmend.“ Das sollte vielleicht ihrem Sohn auch einmal so sagen, meinte dann eine der Mütter: damit er nicht immer das Gefühl hat, dass er falsch sei. „Ich bin jetzt richtig stolz auf meine Tochter“, sagte eine andere. Ich hatte auch immer Angst vor dem Turnen, aber ich habe mich nicht getraut, nein zu sagen.

 

Vom Umgang mit Druck

 

Wir waren jetzt bei dem Großen Thema: wie gehe ich mit Druck um? angekommen. Und da kamen einige sehr interessante Geschichten der Eltern ans Licht. „Ich hatte da lange nicht mehr dran gedacht“, erzählte eine Mutter, „aber ich kann mich erinnern, dass ich als Kind Angst hatte von der Rutsche zu rutschen, wenn so eine lange Schlange hinter mir stand das nächste Kind anfing zu schubsen und „los, mach schon“, zu sagen. „Ich wollte immer selbst entscheiden können“, wann der richtige Zeitpunkt ist. Genau: so ist es nämlich beim Malen und beim Fahrradfahren und beim Alleine-Irgendwohin-Gehen auch: entweder man ist groß und entscheidet, wann man damit anfängt, oder man ist klein und kann es eben nicht. Alleine die Tatsache, dass die Eltern sich entspannen und sagen: du bist vorsichtig und vorausschauend, du achtest auf kleinste Details – das ist sehr wichtig und sehr klug. Und deshalb kann ich dir vertrauen, dass du all das, was ich von dir möchte, genau dann tun wirst, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

An den entspannten Gesichtern der Eltern konnte ich sehen, wie gut ihnen dieser Gedankengang gefiel. Sie spürten schon im Voraus, wie sehr ihre Kinder durch diesen Vertrauensvorschuss wachsen würden.

 

Pläne machen, Fantasieren und genau hinsehen

 

Und wenn das bei Ihren Kindern angekommen ist, und sie sich immer noch nicht trauen, dann können Sie ja zusammen mit den Kindern mal darüber sprechen, wie es sein wird, wenn sie es endlich tun können. Was dann gemeinsam möglich ist, was dann anders sein wird. Einfach mal fantasieren. Wenn Felix* das dann kann, dann machen wir... , Opa wird dann sagen „...“ und die Leah* wird sich freuen, weil. Und so weiter.

Und dann können wir ein Plakat basteln auf dem für jedes Mal „geschafft“ ein kleiner mutiger Löwe aufgestempelt wird. Einfach damit Felix* sieht, dass er es auch eigentlich schon kann. – Das ist kein Lob – denn wir wollen ihn nicht konditionieren. Das ist nur ein Zeichen dafür, dass es gesehen wird. Und dass er selbst es besser sehen kann.

 

 

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