Dein Kind kann nicht malen? So wurde Ina trotzdem zu einer Künstlerin.

April 11, 2018

Ein Eisbär im Schneesturm?

 

Der Punkt, von Peter H. Reynolds ist eines der klügsten und einfühlsamsten Kinderbücher, das mir über den Weg gelaufen ist. Für Große und Kleine ein Augenöffner - geht es doch um die auch Erwachsenen bekannte Angst vor dem leeren Blatt. Ina sitzt im Zeichenunterricht vor einem schneeweißen, Blatt Papier. Und es bleibt leer. Die Lehrerin, die mit "Oh, Ein Eisbär im Schneesturm", das Eis brechen möchte, ist nicht lustig. "Ich kann einfach nicht malen!", sagt Ina und findet auch nicht lustig, dass die Lehrerin sagt: "Mal einfach irgendwas." Wütend knallt sie einen Punkt aufs Papier. Und die Lehrerin, kluge Frau, nimmt das Blatt, studiert es ganz genau, sagt "Hmmm", und bittet Ina ihren Namen darunter zu schreiben. Dann hängt sie das Bild mit dem Punkt in einem Goldrahmen über ihren Schreibtisch. 

 

Ernsthaft, ungekünstelt und konsequent wirkt Wunder

 

Und das Wunder nimmt seinen Lauf. Ein Wunder, das gar kein Wunder ist, sonden genau genommen gute lösungsfokussierte Arbeit: Sie achtet auf minimale Unterschiede. Sie würdigt auch winzige Schritte in die richtige Richtung. Und sie tut dies ernsthaft, ungekünstelt und konsequent. Ein Punkt ist der Anfang eines Bildes. Er ist nicht nichts. Und ihre Würdigung dieses Anfangs zeigt Ina: Ich kann ja was. Mehr braucht man nicht zu sagen. Ich will auch nicht spoilern. Aber am Ende hat Ina eine Bilderausstellung und einen ersten Schüler, der von ihr das Malen lernen will.

 

Warnung vor dem Lob

 

Mut machen spontan zu sein, kann ganz einfach sein. Es braucht aber Aufmerksamkeit, Ernst und Ehrlichkeit - und kein Lob im Sinne von: "Oh wie toll, eine Giraffe! Du zeichnest ja wunderbar!" Die meisten Kinder verstehen durchaus, dass sie nicht wirklich wunderbar zeichnen. Wenn sie selbst keine Ähnlichkeit mit einer Giraffe feststellen können, dann zweifeln sie höchstens an ihrem eigenen Urteilsvermögen. Und weil sie nicht verstehen, was genau sie Tolles gemacht haben, haben sie Angst es nicht reproduzieren zu können. Beim nächsten Mal vielleicht zu enttäuschen - als Versager oder gar Betrüger entlarvt zu werden. - Da lassen sie es lieber.

 

Spontaneität kann ein scheues Tierchen sein

 

Stellen Sie sich vor Sie kritzeln ein paar Zeilen vor sich hin und jemand kommt und sagt Ihnen sie hätten ein geniales und anrührendes Gedicht verfasst, ist vollkommen begeistert und fordert Sie auf so weiter zu machen. Morgen soll bitte das nächste fertig sein! Wenn Sie keinen blassen Schimmer haben, was an ihrem Gekritzel faszinierend war, können Sie es nicht wiederholen. Es wird Sie hemmen - weiter zu schreiben. Es bremst Sie einfach aus. Spontaneität kann zu einem scheuen Tierchen werden, wenn man sie erst einmal durch zu viel urteilende Worte verschreckt hat.

 

 

 

 

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